

Anmerkung der Künstlerin
Im Zentrum meiner Kunst steht ein Verständnis von ihr, das nicht auf Darstellung zielt, sondern auf Prozesse des Sichtbarwerdens – in denen sich Selbstverhältnisse fortwährend verschieben.
Ausgehend von Erfahrungen zwischen Selbstentfremdung und Selbstnähe untersuche ich mit meiner Arbeit das Selbst nicht als stabile Einheit, sondern als fraktale Struktur: als Vielheit von Zuständen, Wiederholungen und Brüchen, die sich gegenseitig durchdringen und verändern.
Ein besonderer Fokus liegt auf verinnerlichten Mustern und Formen von Anpassung, Zurücknahme und Kontrolle von Wirkung. Diese werden nicht als rein individuelle Zuschreibungen verstanden, sondern als kollektiv erlernte Strategien, die Wahrnehmung und Verhalten prägen und zugleich Handlungsspielräume begrenzen. Die Auseinandersetzung mit diesen Strukturen eröffnet die Möglichkeit, Beziehungen sichtbar zu machen, zu verlernen und neu zu schreiben.
Ich verstehe diese Praxis als einen Widerstandsprozess. Widerstandsprozesse brauchen Hingabe, Kontinuität und Wiederholung. Sie entstehen nicht außerhalb des Alltags, sondern in ihm – in der beständigen Beziehung zu dem, was immer da ist: zum eigenen Körper, zu anderen Menschen und zu den Gemeinschaften, die Wissen, Fürsorge und Erinnerung tragen. Erst durch diese fortlaufende Praxis können sich die Fäden des eigenen Erlebens zu einem tragfähigen Gewebe verbinden, das Resilienz und Regeneration ermöglicht.
Dabei wird Widerstand nicht als Konfrontation verstanden, sondern als schöpferische Bewegung. Prozesse, die unser biokulturelles Erbe und überliefertes Wissen lebendig halten, nähren sich aus Kreativität. Sie sind lebendig wie die Natur: Sie wachsen, verändern sich und müssen gepflegt werden. Sie entfalten sich nicht gegen das Leben, sondern aus ihm heraus. Ihr Potenzial liegt darin, sich dem Zugriff verfestigter, oft unbewusst aufrechterhaltener Unterdrückungsstrukturen zu entziehen und neue Formen des Zusammenlebens hervorzubringen.
Zugleich verstehe ich künstlerische Praxis als einen Akt der Verbindung. Kunst ist für mich ein Ort, an dem solche Widerstandsprozesse stattfinden und fortbestehen können. Sie trägt die Gesundheit meiner Seele, meines Körpers und meines Denkens – nicht als erreichter Zustand, sondern als lebendige Praxis, die immer wieder herausgefordert wird und kontinuierlich gestärkt werden muss. Sie lebt vom Erinnern, Sammeln, Verbinden, Gestaltwandeln, Wiederverwerten und vom Finden einer Form, die geteilt werden kann.
Mich interessieren Formen von Erinnerung, die sich durch zwischenmenschliche Annäherungen bilden – verkörpertes Wissen, alltägliche Gesten und kollektive Praktiken des Weitergebens. Die Begegnung mit Erinnerungskulturen verweist für mich zugleich auf das, was in meiner eigenen Sozialisation größtenteils verloren gegangen ist. Im kreativen Austausch entsteht die Praxis der Regeneration: die Möglichkeit, Verbindungen neu zu knüpfen – zu dem, was vor mir war, und zu dem, was nach mir kommen wird.
Meine Arbeit fragt danach, wie Kreativität zu einer Form des Erinnerns und des Widerstehens werden kann. Wie sich gegen Vereinzelung Räume von Zugehörigkeit eröffnen lassen – und wie in der fortwährenden Praxis des Verbindens ein lebendiges Gewebe aus Erfahrung, Fürsorge, Wissen und Transformation entsteht. Ein Gewebe, das nicht nur das Individuum trägt, sondern die Möglichkeit offenhält, dass unser Potenzial, unsere Natur und unsere Freiheit fortbestehen können.